Main-Echo

04.12.1999

 

Unmut über Kameras an Brennpunkten Aber: Der Erfolg spricht für sich

Jungbürgerversammlung in Erlenbach: Wünsche und Kritik, aber auch Dankbarkeit

Erlenbach. Sie schimpften und lobten, applaudierten und motzten: Die Jugendlichen bei der gut besuchten Jungbürgerversammlung in Erlenbach am Donnerstag abend hatten so unterschiedliche Meinungen zur Jugendarbeit in Erlenbach, wie sie verschiedene Vorstellungen von künftigen Schritten haben. Einig sind sie sich allerdings in einer Sache: Sie fühlen sich gestört von den sechs mobilen Kameras, die seit Ende Oktober einige Brennpunkte in der Stadt überwachen.

Es war nicht nur eine Handvoll Jugendlicher, die dem Ruf zur ersten Jungbürgerversammlung seit Jahren gefolgt ist - es waren über 40. Wie groß das Interesse an Jugendarbeit auch unter den Erwachsenen ist, zeigte sich an den vielen Stadträten, Lehrern und Vereinsvertretern, die ins Jugendhaus gekommen waren. Schweigend und aufmerksam verfolgten sie das Treffen zwischen Bürgermeister Michael Berninger, dem Jugendbeauftragten Rudi Reißmann und den jungen Erlenbachern.

So wenig die Kameras aus der Diskussion verschwinden wollten, so sicher werden sie auch im Stadtbild bleiben. Da half es nichts, dass ein Jugendlicher der Stadt mangelndes Vertrauen vorwarf, ein anderer nur eine Verlagerung der Brennpunkte an den Main oder zum Friedhof befürchtete und einige sich gar überwacht und verfolgt fühlen: Berninger lässt in diesem Punkt nicht mit sich reden - obwohl er Verständnis für die Argumente zeigte.

Der Erfolg der Kameras spreche für sich, denn seit ihrem Aufbau herrsche Ruhe: »Wir wollen niemanden verfolgen, sondern diejenigen schützen, die verfolgt werden.« Schließlich brächten die wenigen Randalierer alle anderen jungen Leute auch in Verruf.

Die Wunschliste der Anwesenden war geprägt von einem »enormen Interessengefälle«, wie ein Erwachsener schmunzelnd bemerkte: Sie reichte vom »Bildungsangebot« samt Philosophiekurs über ein »verbessertes Ferienprogramm« bis zum TV-Kabelanschluss für das Jugendhaus - den andere strikt als »Konversationskiller« ablehnten. Eine Disco wünschen sich alle, aber das ist Sache eines Unternehmens, nicht der Stadt, wie Berninger erklärte. Simone Däumler vom Turnverein machte den Jugendlichen ein Angebot: Sie wolle alle zwei bis drei Monate eine Disco in der Turnhalle organisieren, wie sie das bereits für Kinder gemacht hat.

Über zuviele Worte und wenig Taten können sich die Teenies in Erlenbach eigentlich nicht beschweren: In diesem Jahr wurde das Jugendhaus wiedereröffnet und ein neuer Leiter eingestellt, über den Kreisjugendpfleger Helmut Platz sagte: »Wenn Reißmann die Jugendarbeit hier nicht auf die Reihe kriegt, weiß' ich nicht, wer's machen soll.« Der Beifall ließ erahnen: Platz hat Recht.

Auch für das kommende Jahr hat die Stadt schon Pläne: Den Jugendlichen soll bald die Möglichkeit gegeben werden, sich und das Jugendhaus im Internet vorzustellen. Auch ist eine Art Jugendbeirat für die Zukunft anvisiert. Vor dem Treff wird der Parkplatz geteert und die lang ersehnte Skater-Bahn gebaut.

Einer Gruppe, die sich mit den demokratischen Gepflogenheiten einer Bürgerversammlung hörbar schwer tat, war das immer noch nicht genug. Sie verlangten jede Woche eine Disco und störten mit ständigen Zwischenrufen »Kabel, Kabel«. Gemeint war nichts zum Basteln, sondern Kabel-TV. Berninger und Reißmann blieben unbeirrt: »Wir können euch nicht jeden Wunsch erfüllen - zumindest nicht sofort.« Der Bürgermeister resümierte am Schluss: »Das war auf jeden Fall eine gute Sache«, und deshalb möchte er Jungbürgerversammlungen häufiger wiederholen. Der Beifall für »die gute Sache« zeigte, dass die meisten jungen Leute ebenfalls zufrieden waren. Und das Verhalten der Unzufriedenen kommentierten einige Mädchen beim Heimgehen so: »Die sollen doch froh sein, dass sich endlich mal jemand um uns kümmert.«

sw