Main-Echo

10.03.2001

Jugendpflege als Investition in die Zukunft

Fachkräfte gefordert - »Mittlerweile machen diese Jungs mehr ganz als kaputt«

Niedernberg. Viele Jugendliche seien durch das Angebot der Vereine nicht mehr zu erreichen, eine Fachkraft sei häufig gefordert, um für ein sinnvolles Freizeitangebot zu sorgen. Das ist ein Ergebnis einer Diskussionsrunde, zu der die »Initiative Mensch und Umwelt Niedernberg« (IMUN) am Mittwochabend eingeladen hatte. Mit der Debatte über die hauptamtliche Jugendpflege hatte IMUN ein heißes Eisen angepackt.

Als Gesprächspartner standen Helmut Platz von der kommunalen Jugendarbeit des Landratsamts, Lisa Klein vom Jugendtreff Sulzbach und Rudi Reißmann vom Jugendhaus Erlenbach zur Verfügung. Horst Markert, Jugendbeauftragter aus Mömlingen, hatte absagen müssen.

Helmut Platz klärte über die gesetzlichen Vorgaben auf, die im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) verankert sind. Platz wies darauf hin, dass die Jugendarbeit in den Kommunen als Pflichtaufgabe und nicht als freiwillige Leistung definiert ist. Die Gemeinden seien gehalten für eine effiziente Jugendarbeit zu sorgen. Sei eine Kommune dazu nicht in der Lage, müsse der Landkreis einschreiten.

Seit drei Jahren leitet Lisa Klein als pädagogisch ausgebildete Halbtagskraft den Jugendtreffin Sulzbach mit einem Kollegen, dessen Tätigkeit auf zwölf Stunden pro Woche begrenzt ist. Der Treff sei von Beginn an von hauptamtlichem Personal geleitet worden.

Eine Elterninitiative habe die Einrichtung gefordert und ihr Anliegen mit einer Unterschriftenaktion untermauert. Vor fünf Jahren seien die Jugendräume eingerichtet worden. Klein stellte fest, dass viele Jugendliche als Folge eines sich ausbreitenden Individualisierungsprozesses über die Vereinsarbeit nicht zu erreichen seien. Nur geschultes Personal verfüge über das notwendige Handwerkszeug, um mit problematischen Jugendlichen umgehen zu können. Ehrenamtlich Tätige seien dabei überfordert.

Mit einem Beispiel aus der Praxis wartete Rudi Reißmann auf. Als er vor anderthalb Jahren die Leitung des Jugendhauses in Erlenbach zusammen mit einer Kollegin übernommen habe, sei ihm vom Bürgermeister vorgegeben worden, randalierenden Jugendliche von der Straße zu bringen. »Mittlerweile machen diese Jungs mehr ganz als kaputt«, stellte er fest. Reißmann berichtete von Renovierungsaktionen im Jugendhaus, an denen sich die Jugendlichen mit Begeisterung beteiligten. Er räumte ein, dass entsprechende Angebote vorhanden sein müssen, um diese Klientel zu interessieren.

Er sei nicht nur für das Jugendhaus zuständig, sondern gleichzeitig Jugendbeauftragter und Jugendpfleger und somit Partner der ehrenamtlich Tätigen in den Vereinen. Die Zusammenarbeit mit den Ehrenamtlichen sei sehr gut, so Reißmann. Der Sportverein stelle oft seinen Bus zur Verfügung, um Aktionen des Jugendhauses zu unterstützen.

In Sulzbach sei die Situation etwas anders, erläuterte Lisa Klein. Zwar werde versucht, mit den Vereinen zu kooperieren, aber speziell bei den älteren Funktionären stoße man auf Ablehnung, weil diese den Jugendtreff als Konkurrenz zur verbandlichen Jugendarbeit ansähen. Klein gab zu bedenken, dass das hauptamtliche Personal in Sulzbach gar nicht genug Zeit für eine Intensivierung der Zusammenarbeit mit den Vereinen habe. Außerdem sei es dafür nicht eingestellt worden.

Niedernbergs Bürgermeister Jürgen Reinhard räumte ein, dass in Sachen Jugendarbeit einiges verbesserungswürdig sei, aber immerhin existiere ein - ehrenamtlicher geführter - Jugendtreff. Die Richtlinien der Jugendförderung seien wesentlich großzügiger angelegt als in anderen Gemeinden.

CSU-Vorsitzender Burkard Schwarz wollte andere Prioritäten gesetzt wissen, um Familien zu unterstützen. Er favorisierte die Einrichtung von Kinderkrippen und Schülerhorten, damit berufstätige Eltern entlastet würden.

Aus den Reihen des ehrenamtlichen Leitungsteams im Jugendtreff Niedernberg kam die Forderung nach fachlicher Unterstützung, speziell bei der Konzeption von Angeboten.

Diskussionsleiter Siegmar Buhler verwies darauf, dass es nicht um die Leitung des Jugendtreffs gehe, sondern um einen hauptamtlichen Jugendpfleger, der sich insgesamt um die Jugendarbeit kümmere. IMUN werde das Thema intern weiter diskutieren und zu gegebener Zeit erneut einen entsprechenden Antrag im Gemeinderat einbringen.

Dass nicht nur mit Problemen überfrachtete Jugendliche einen Treff besuchen, wollte Helmut Platz noch einmal festgestellt wissen. Eine Investition in die hauptamtliche Jugendpflege sei gerade im Hinblick auf die Zukunft der jungen Leute sinnvoll.

muw