Main-Echo

30.04.2001

 

Keine Schneller-höher-weiter-Pädagogik, sondern Er-Leben mit allen Sinnen

Fortbildung des Forums Erlebnispädagogik - »Erleben ist modern und zeitgemäß«

»Amüsieren wir uns eigentlich zu Tode?«, fragte Jimmy Roth, Stadtjugendpfleger der Stadt Aschaffenburg, in seinem Vortrag zum Thema »Erlebnispädagogik in der Jugendarbeit« provokant. Lehrer und Jugendleiter besuchten am Wochenende dort eine Fortbildung zum Thema Erlebnispädagogik, wo sich sonst im Sommer Kinder tummeln: auf dem Grauberg. Dort erfuhren sie, dass in der Erlebnispädagogik nicht der reine Kick im Vordergrund steht, sondern die Vermittlung ganz anderer Fähigkeiten.

Das Forum, das seit acht Jahren besteht, setzt sich aus mehreren pädagogischen Einrichtungen der Stadt Aschaffenburg und der beiden Landkreise Aschaffenburg und Miltenberg zusammen. Stadtjugendpfleger Jimmy Roth vermittelte einen Überblick über das Feld der Erlebnispädagogik. Grob ist sie unterteilt in Alpin, Höhle, Fahrrad, Wasser, Seiltechnik, sanfte Erlebnispädagogik und City Bound, bei dem die Stadt als Erlebnisfeld untersucht wird. Klettern, Abseilen, Höhlenerforschen, Rafting, Canyoning, Surfen, Seilbrücken sowie Natur- und Problemlösespiele gehören in diesen Bereich. Erlebnispädagogik müsse nicht immer »Action« bedeuten, so Roth. Auch sanfte Erlebnispädagogik mit Sinneserfahrung- und Kooperationsspielen ist denkbar.

»Nicht das intensive Erlebnis darf den Mittelpunkt beherrschen, sondern die in diesem erlebnispädagogischen Lernprozess vermittelten Themen und Inhalte müssen im Zentrum stehen«, betonte Roth. Nicht der bloße Adrenalinkick sei Sinn der Erlebnispädagogik, vielmehr komme es unter anderem auf die Bildung von Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit, Selbst- und Verantwortungsbewusstsein, Überwindung von Ängsten in Grenzerfahrungen an. Kurzum: »Eine leistungsorientierte Schneller-höher-weiter-Pädagogik hat im Rahmen der Erlebnispädagogik nichts verloren.«

Roth stellte ein Projekt vor, das mit einer Klasse der Fröbelschule über einen längeren Zeitraum betrieben wurde. Kleine Aktionen bildeten den Anfang, eine Fahrt zum Gardasee den Abschluss. Im Zentrum standen Wesensmerkmale der Erlebnis­pädagogik. Durch »Carpe Diem« sollte Lebensräume entdeckt werden, durch »Outward«-Bound die Erreichung eines Ziels im Auge behalten werden. Wichtig bei allen Aktionen: Freiwilligkeit. Alle Jugendlichen sollen sich nach eigenen Möglichkeiten ohne Zwang ausprobieren.

Auch die sanfteren Formen der Erlebnispädagogik zu einer Reaktivierung der Sinne stellte Roth vor. Sicherheitsstandards für erlebnispädagogische Maßnahmen wurden ebenfalls thematisiert.

Die Teilnehmer versuchten nach der theoretischen Einführung selbst ihr Glück an verschiedenen Stationen und beobachteten lebendiges Anschauungsmaterial: Florian, Markus, Christoph, Lukas, Dirk, Kenny, Max, Jorrit und Philipp. Um zwei Bäume hatte Helmut Platz von der Kommunalen Jugendarbeit Miltenberg Seile geschlungen, zu einem Spinnennetz verknotet. Aufgabe der Jungs: Von der einen Seite auf die andere zu kommen, ohne das Seil zu berühren. Pläne wurden geschmiedet, Räuberleitern gebaut und Max mit vereinten Kräften kopfüber durch das Spinnennetz geschoben - und das Gleichgewicht verloren. Er-Leben mit allen Sinnen mitten im Wald.

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Kniffelige Sache: Wie kommen neun Jungs durch das Spinnennetz, ohne das Seil zu berühren? Florian, Markus, Christoph, Lukas, Dirk, Kenny, Max, Jorrit und Philipp üben daran. Seiltechnik gehört zum Feld der Erlebnispädagogik.

Foto: Harald Schreiber