Main-Echo

07.06.2004

Hoch hinaus: Mit Spaß das Selbstbewusstsein gestärkt 

Wie neun Teilnehmerinnen das Abenteuer in einer Kletterwand erlebt haben — Mädchenwochen im Landkreis

Erlenbach. »Ich sag‘ Dir, es ist die Hölle«, stöhnt die 13-jährige Lisa aus Trennfurt. Sie hängt mitten in der steilen Sandsteinwand und versucht krampfhaft, einen Felsvorsprung zu überwinden. »Dafür, dass es die Hölle Ist, machst Du es aber sehr gut«, tönt es von unten. Dort hängt Erzieherin Michaela Brenner in der Felswand. Wieder unten angekommen, strahlt Lisa und freut sich, die Herausforderung gemeistert zu haben.

»No risk, more fun!« Unter diesem Motto starteten am Montagnachmittag neun Mädchen im Alter zwischen elf und 13 Jahren zum Abenteuer in den Klettergarten im Hainstadter Ortsteil Breuberg. Die Aktion wurde vom Jugendhaus und dem Main-Job-Net Erlenbach im Rahmen der landkreisweiten Mädchenwochen organisiert.

Die Ausrüstung stellte die Kommunale Jugendarbeit des Landratsamts kostenfrei zur Verfügung. Die erlebnispädagogische Aktion erfreute sich solcher Beliebtheit, dass für gestern außerplanmäßig ein zweiter Termin angeboten wurde.

Bevor es richtig ans Klettern ging, hieß es für die neun Mädchen - noch auf dem Parkplatz— »Helme auf und Klettergurte an«. Alles unter den wachsamen Augen der Sozialpädagogen Rudi Reißmann (Leiter des Jugendhauses Erlenbach) und Esther Schwinn <Main-Job-Net). Reißmann erklärte, worauf die Mädchen beim Klettern achten sollen. Nach den Helm- und Gurttests ging es los in Rich­tung Wand. Die erste Gruppe machte sich auf den Weg, die gut 20 Höhenmeter bis zum Plateau des Felsens zu überwinden. Unter Leitung von Reißmann wählte man die »Starkenburger Steige genannte Route, die noch am besten für Anfänger geeignet ist. Denn nur eines der neun Mädchen, die 13-jährige Elena aus Sulzbach, hatte Klettererfahrung.

Gesichert mit zwei Karabinern kämpften sich die Mädchen an einem im Fels befestigten Stahlseil an der Wand entlang. Waren die ersten Meter noch horizontal, ging es plötzlich senkrecht nach oben. Immer auf der Suche nach einer Spalte, die zum Festhalten geeignet war, oder einem kleinen Vorsprung, der Halt für die Füße bot, hangelten sich die Mädchen Zentimeter um Zentimeter, Meter um Meter nach oben.

Erst Sonne, dann Regen

Während die erste Gruppe in der Wand war, geschah das, was erwachsene Bergsteiger fürchten: Wetterumschwung. Eben noch strahlender Son­nenschein goss es plötzlich wie aus Kübeln, dazu wehte ein kalter Wind. Doch die Mädchen ließen sich nicht aus der Ruhe bringen. Zielstrebig kletterten sie dem Plateau entgegen. Oben angekommen, gab es Freudenschreie.

Doch jetzt kam der schwierigste Teil des Kletterns: der Abstieg. »Absteigen ist schlimmer als das Hochklettern«, gestand die 13-jährige Lisa später. »Da sieht man nicht, wo es hingeht.« Tatsächlich war das Tempo bergab fast langsamer als bergauf. Die Mädchen gaben sich gegenseitig Tipps, wie die einzelnen Passagen zu meistern sind, es hatte sich Teamgeist entwickelt.

Dieser Zusammenhalt komme automatisch beim Klettern, erklärt Leiter Rudi Reißmann. Es gehe nicht darum, sich dem Risiko auszusetzen, sondern darum, das Risiko zu meistern zu lernen, mit der Angst umzugehen und in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren.

Mädchen seien oft bessere Kletterer als Jungs, so Reißmann. Alles hänge von der Kraft ab, aber von der Kraft im Ver­hältnis zum Körpergewicht. Jungs tendierten dazu, sich zu sehr auf die Kraft zu verlassen, die ihnen dann früher oder später ausgehe. Mädchen dächten beim Klettern mehr, sie vertrauten auf die Technik, was sie zum Erfolg bringe.

Am Boden angekommen, kam in der Gruppe kurzzeitig Hektik auf. Die 13-jährige Kristin aus Roßbach stieg mit blutigen Händen aus der Wand. Sie hatte sich die Finger am Stahlseil aufgeritzt. Mit ein paar Pflastern war die Blutung gestillt und die tapfere Kristin (»Nein, es tut nicht weh«) machte sich an die nächste Herausforderung.

Jetzt galt es, eine senkrechte Wand hochzuklettern und sich abzuseilen. Anders als beim ersten Aufstieg war hier kein Stahlseil gespannt. Die Mädchen wurden von unten von den Betreuern mit einem Kletterseil gesichert. Dabei machte sich die Klettererfahrung von Elena bemerkbar. Leichtfüßig erklomm sie. die Wand. Dies weckte den Ehrgeiz der anderen. Voller Elan machte sich die elfjährige Lea aus Mömlingen auf den Weg nach oben.

»Mit der linken Hand hochziehen“

»Ja! Jetzt den Fuß in die rechte Spalte«, ruft Michaela Brenner nach oben, als die jüngste Teilnehmerin auf halber Hohe ins Stocken gerät. »Und jetzt mit der linken Hand hochziehen.« Ein paar Minuten später hat Lea das Plateau in gut sechs Metern Höhe erreicht. Selbst von unten kann man den Stolz in ihren Augen erkennen. Das Abseilen geht wie von selbst. Ein Mädchen nach dem anderen stellt sich der Herausforderung an der senkrechten Wand manche sogar zweimal. Nach gut dreieinhalb Stunden endet eine Aktion, die den neun Teilnehmerinnen nicht nur Spaß bereitet, sondern mit Sicherheit auch ihr Selbstbewusstsein gestärkt hat.                                  

Sven Wostl

Selbstbewusstsein in der Felswand steigern: Zentimeter für Zentimeter kämpften sich die Mädchen unter Anweisung von Erlenbachs Jugendhausleiter Rudi Reißmann (oben) hinauf. Bei der Aktion im Rahmen der Mädchenwoche war auch die 13-jährige Elena aus Sulzbach mit von der Partie (kleines Foto)

Fotos: Sven Wostl