Main-Echo

Samstag, 21.03.2009

 

"...dann werden sie eine große Herzlichkeit spüren"

Integration II Was zwei aufgeschlossene Türkinnen von ihren Landsleuten und den Deutschen erwarten - "Vom Kopftuch nicht abschrecken lassen"

Unablässig wird das Wort Integration im Mund geführt. Was aber bedeutet dieser Begriff in der Lebenswirklichkeit der vielen im Landkreis Miltenberg lebenden Türken? Manfred Weiß hat bei Hava Aktürk (45) und Ayfer Güney (37) nachgefragt. Die Erlenbacherinnen sind vor mehr als drei Jahrzehnten ihren Vätern nach Deutschland gefolgt. Beide bemühen sich im Agenda-Arbeitskreis um ein besseres Zusammenleben.

Frau Aktürk, Frau Güney, Türken und Deutsche müssen zueinander finden. Was kann die deutsche Seite zu einer besseren Verständigung beitragen?

Hava Aktürk: Ich weiß, dass viele Türken bei den Deutschen die herzliche Gastfreundschaft vermissen, die Türken eigen ist. Die meisten Deutschen lassen Türken nicht an sich heran. Viele haben Probleme, wenn türkische Frauen Kopftücher tragen, weil sie denken, es handelt sich um streng Religiöse. Das stimmt manchmal, ist aber oft auch nicht der Fall. Außerdem machen es sich die Deutschen zu leicht, wenn sie türkischen Frauen zum Vorwurf machen, dass diese kein Deutsch sprechen. Oft gibt es dafür einen Grund, der nichts mit der Ablehnung des Deutschen zu tun hat. Vielen Frauen war es früher nicht erlaubt, abends aus dem Haus zu gehen und sich mit Leuten zu treffen. Auch mein Mann hat das früher nicht gern gesehen. Aber ich habe mich durchgesetzt. Ich habe gesagt, die Kontakte sind gut für mich und die Kinder, und er hat sich mit den Jahren damit abgefunden. Die Deutschen sollten nicht zu schnell urteilen. Sie sollten auf Türken zugehen und versuchen, sie kennenzulernen. Dann werden sie eine große Herzlichkeit spüren.

Ayfer Güney: Mir ist aufgefallen, dass viele Deutsche Berührungsängste haben. Wenn mehrere türkische Frauen in Kopftüchern im Kaufhaus zusammenstehen, schrecken sie zurück. Integration ist keine Einbahnstraße.

Was sollten sich Ihre Landsleute zu Herzen nehmen?

Ayfer Güney: Viele Türken gehen Kontakten mit Deutschen aus dem Weg, weil sie glauben, dass sie sich mit ihnen nicht verstehen würden. Türkische Frauen sollten einfach mal ihre Nachbarn zum Kaffee oder zum Tee einladen und dann über Gott und die Welt sprechen. Sie sollten rausgehen, sie sollten Informationsveranstaltungen und auch die Elternabende besuchen.

Hava Aktürk: Viele Türken fühlen sich benachteiligt. Wenn Kinder in der Schule Probleme haben, heißt es schnell: Mein Sohn hat die schlechte Note nur bekommen, weil er Türke ist. Diesen Eltern sage ich immer: Das stimmt nicht. Ich rate ihnen, offen mit der Lehrerin zu sprechen und einen Kontakt aufzubauen. Außerdem versuche ich immer wieder, sie zu motivieren, in den Turnverein zu gehen oder zum Schwimmen.

Integration ist ein abstrakter Begriff. In welchem Erlebnis würde sich für Sie ein gelungenes Zusammenleben widerspiegeln?

Hava Aktürk: Schön wäre es, wenn die deutschen und ausländischen Bürger Erlenbachs nicht nur einmal im Jahr - nämlich beim Kulturfest des Agenda-Arbeitskreises - ungezwungen miteinander feiern, reden und tanzen würden.

Ayfer Güney: Beim Agenda-Kulturfest Anfang Februar haben sich Deutsche, Türken, Griechen und Russen wieder einmal an getrennte Tische gesetzt. Ich fände es toll, wenn sie sich bunt gemischt an einem Tisch versammeln würden - ohne dass wir sie eigens dazu auffordern müssten.

Hava Aktürk

Ayfer Güney