Main-Echo

Mittwoch, 25.03.2009

 

»Interkulturelle Öffnung ist heute angesagt«

Provokative Thesen von Stefan Lutz-Simon zum Thema Integration in der deutschen Gesellschaft

Erlenbach. »Integration war gestern, interkulturelle Öffnung ist heute angesagt!« formuliert Stefan Lutz-Simon, Leiter der Jugendbildungsstätte Unterfranken in Würzburg, ein wenig provokant die These seines Vortrags. Um Integration in der Gesellschaft im Allgemeinen und im Landkreis Miltenberg im Speziellen ging es am Montagabend beim Auftakt zur Schwerpunktreihe Integration sowie der Ausstellung »anders? - cool!« in der Aula der Barbarossa-Schule Erlenbach. In vielfältigen Beiträgen, von Musik über Theater bis zur Kurzgeschichte, wurde das Thema aufgegriffen und ein Perspektivenwandel angedeutet.

Integration ist ein wechselseitiger Prozess, der gewollt sein muss.

Stefan Lutz-Simon, Leiter der Jugendbildungsstätte

Die Idee für die Reihe entstand im Sommer 2008: »Wir arbeiteten ein Konzept für ein möglichst großes Rahmenprogramm aus und bewarben uns für die Wanderausstellung«, erklärte Helmut Platz, von der Kommunalen Jugendarbeit des Landkreises Miltenberg. Für eine breite Basis der Aktionswochen mussten jedoch noch weitere Partner gefunden werden: In Kooperation mit dem Arbeitskreis Jugendsozialarbeit an Schulen, dem Jugendzentrum und der Hauptschule Erlenbach sowie dem Agenda Arbeitskreis Kultur und Soziales wird nun zwischen Montag, 23. März, und Freitag, 3. April, ein umfassendes und vielfältiges Programm mit verschiedenen Projekten zum Thema Integration angeboten.

»Im Fokus der Reihe stehen die Hauptschulen Sulzbach, Obernburg, Klingenberg, Miltenberg, Leidersbach und Erlenbach, weil dort Jugendsozialarbeit betrieben wird. Es ist ein Baustein zur Sensibilisierung der Schüler für das Thema«, beschreibt Platz den Hauptaspekt der Schwerpunktreihe. Zudem soll der Gedanke der interkulturellen Öffnung Einzug in die Verwaltung des Landkreises halten.

Vom »Die Anderen« zum »Wir«

Neben Wortbeiträgen bot die Schulband der Barbarossa-Hauptschule einen stimmungsvollen musikalischen Beitrag und das Galli-Theater Odenwald strapazierte mit einem Auszug aus dem Stück »Clownsprüfung« zum Thema Freundschaft und Integration das Zwerchfell der Besucher.

Ein wenig provokant sorgte der Vortrag von Lutz-Simon zum Thema Integration in der deutschen Gesellschaft für Diskussionsstoff: »Integration ist ein wechselseitiger Prozess, der von den Verbänden und Strukturen gewollt sein muss«, lautete eine seiner Thesen. Lange Zeit sei darunter nämlich die Assimilation der Einwanderer verstanden worden, die sich anpassen müssten. Bei dem Thema hätten viele Menschen immer eine fremde Gruppe, immer »Die Anderen« im Kopf, jedoch werde daraus nicht immer ein »Wir«.

Anders-Sein als Normalität»

Bisher wurde von den Verbänden und Strukturen keine ausreichende Integrationsleistung erbracht«, sagte er. Ein Problem sei die Erfassung der Gruppe: Statistiken der Verwaltung erfassen nur Menschen mit einem ausländischen Pass. Jedoch ist die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund weitaus größer. Denn eine deutsche Staatsbürgerschaft zeuge nicht von einer erfolgreichen Eingliederung in die Gesellschaft.

»Wir sprechen hier nicht von Minderheiten oder Randgruppen. Wir sind längst eine multikulturelle Gesellschaft!«, stellt er fest. Denn schließlich hätte bereits jedes dritte neugeborene Kind in Deutschland Migrationshintergrund. Künftig müsse vor allem eine Antwort auf die Frage »Was können wir in unserer Gesellschaft tun, dass dieses Anders-Sein Normalität wird?« gefunden werden.

Die Schwerpunktreihe Integration mit verschieden Theaterprojekten, dem Zirkusmobil und dem interkulturellen Training für Verwaltungsmitarbeiter sei ein viel versprechender Schritt. Auf die Frage aus dem Publikum, wie Integration auf Gemeindeebene aussehen kann, entgegnete Lutz-Simon: »Wir müssen uns auf die stützen, die den Perspektivenwandel zur interkulturellen Öffnung mitgemacht haben. Nicht wir müssen uns erklären, warum Integration wichtig ist, sondern es müssen sich die rechtfertigen, die das immer noch nicht verstanden haben.«

"Integration war gestern, interkulturelle Öffnung ist heute angesagt" Stefan Lutz-Simon, Leiter der Jugendbildungsstätte Unterfranken sorgte mit provokativen Thesen für Diskussionsstoff.

 

Für Auflockerung zwischen den Wortbeiträgen zum Auftakt der Schwerpunktreihe Integration sorgte das Galli Theater Odenwald mit einem Auszug aus dem Stück "Clownsprüfung".