Main-Echo

Freitag, 19.06.2009

 

Jugendliche aufklären statt ermahnen

 

Suchtprävention Theaterstück "Jump" an der Barbarossaschule Erlenbach gibt Denkanstöße im Kampf gegen Drogen

Vom Sinn des Lebens bis zu den Gefahren eines MP3-Players: Das Theaterstück "Jump" konfrontierte die Erlenbacher Barbarossaschüler mit ganz neuen Erkenntnissen und tiefgreifenden Fragen. Thomas Steger vom Kreisjugendamt Miltenberg hatte zwei Schauspieler vom Bamberger Ensemble "Chapeau Claque" eingeladen, um die Siebtklässer über die Gefahren von Süchten aufzuklären.

Mit Intuition und Feingefühl Das Rezept der Bamberger Künstler ging offenbar auf: Über zwei Stunden lang schafften sie es, die Aufmerksamkeit der Schüler zu fesseln und jede Menge Denkanstöße zu liefern. Die Schauspieler Ute Wernicke und Andre Fischer nutzten alltagsnahe Szenen, um die anfängliche Skepsis der Schüler zu überwinden und durch Intuition und Spontanität Interesse zu wecken. Scheinbar profane Situationen wurden mit viel Fingerspitzengefühl hinterfragt. Ähnlich wie beim Improvisationstheater griffen die Schauspieler immer wieder Zwischenrufe der Schüler auf und ließen diese in ihr Stück einfließen. Dass auch der Humor dabei nicht zu kurz kam, tat dem ernsten Thema keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Durch die scheinbar lockere Herangehensweise und die große Flexibilität der Schauspieler gelang es, auch dem großen Publikum die Botschaft des Stücks zu vermitteln.

Kernfrage: Was ist Glück ? Die eigentliche Geschichte ist schnell erzählt: Ute Wernicke spielt eine junge Schülerin, die von Berlin ins "langweilige Kaff" Erlenbach umziehen musste. Ohne Freunde und mit schlechten Noten flüchtet sie sich in Alkohol und Einsamkeit. Einer ihrer neuen Schulkameraden (Andre Fischer) öffnet ihr die Augen für die schönen Seiten des Lebens: Selbst Kochen, Sport treiben und spontane Wanderausflüge wecken in der miesepetrigen Großstädterin neue Lebenslust. Handy und Fernseher verlieren ein wenig von ihrer Wichtigkeit.

Unterbrochen wurden die Theaterepisoden immer wieder von Dialogen mit dem Publikum. Fragen wie "Was ist Glück ?" oder "Was ist ein gutes Leben ?" konnten auf diese Weise ohne den sonstigen Druck angesprochen werden. Die teilweise erschütternd ehrlichen Kommentare der Schüler machten deutlich, wie gut das Theaterkonzept funktioniert: "Es ist egal was ich mache. Hauptsache, ich bin weg von Zuhause. Nur dann kann ich alles vergessen", antwortete eine Schülerin, als sie nach ihrer Art der Stressbewältigung gefragt wurde.

Verborgene Suchtgefahr Auf subtile Weise gelang es den Schauspielern, Nähe zu den Jugendlichen aufzubauen und die Botschaft des Stücks zu vermitteln. So manchem Schüler war am Ende des Stücks klar, dass Suchtpotenzial auch in scheinbar harmlosen Dingen wie Computern, Handys und MP3-Playern verborgen sind, obwohl es sich bei diesen Dinge nicht um illegale Drogen handelt.

Genau dieser Effekt sei gewollt, berichtet Thomas Steger vom Kreisjugendamt Miltenberg. "Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass Sucht schon bei bestimmten Verhaltensmustern beginnt. Nicht mit der Zigarette oder dem ersten Schluck Alkohol, sondern schon viel früher." Dabei gehe es nicht darum, mit erhobenem Zeigefinger zu ermahnen oder das lieb gewonnene Handy oder den Computer zu verbieten. Auch ein völliges Alkoholverbot sei keineswegs das Ziel. Vielmehr gehe es darum, bei den Schülern frühzeitig den Blick für Suchtverhalten zu schärfen.

Auch in Erlenbach ist das Problem des Alkoholmissbrauchs bekannt. Leiter des Jugendhauses Rudi Reißmann erkennt durchaus neue Muster im Trinkverhalten der Jugendlichen, vor allem im Alter zwischen 16 und 18 Jahren: "Früher ist auch viel getrunken worden. Dieses Komasaufen ist aber schon eine neue Qualität. Vor allem, dass man sich gezielt jedes Wochenende bewusstlos trinkt, ist ein Problem, das dann schnell zur ausgewachsenen Sucht wird." Auch wenn sich die Jugendlichen später vielleicht wieder fangen, sei das Risiko sehr hoch, dass sie sich in dieser Zeit eine ganze Menge Chancen verbauen.

Thomas Steger gibt zu bedenken, dass sich auch die Wahrnehmung des Problems geändert hat: "Früher wurden die Leute einfach nach Hause gebracht, wenn sie zu viel intus hatten, es wurde nicht darüber geredet. Heute wird viel schneller der Notarzt gerufen, was ja auch zu begrüßen ist. Aber auch die Medien tragen einen Teil dazu bei. Es wird einfach viel mehr über solche Vorfälle berichtet."

Text und Fotos: Andreas Göbel

Thomas Steger

Drei Fragen

Suchtgefahr lauert nicht nur in Alkohol und Drogen

Thomas Steger vom Kreisjugendamt Miltenberg ist von Berufswegen mit dem Problem Sucht bei Jugendlichen konfrontiert. Er sieht sowohl Anlass, als auch Erfolgsaussichten für präventive Maßnahmen.

 

Wie kam es zu der Idee, ein Präventionstheater für Jugendliche aufzuführen?

Am Wochenende gab es im Rahmen der Aufklärungsarbeit über Alkoholmissbrauch bereits eine Veranstaltung des Kreuzbundes für Erwachsene. Mit dem Theaterstück wollten wir auch ein Angebot für Jugendliche schaffen. Wir kannten das Angebot von Chapeau Claque bereits. Die Arbeit der Bamberger zählt derzeit zu den besten Konzepten für Präventionstheater, weil das Stück sehr nah dran ist an der Lebenswelt von Jugendlichen. Es orientiert sich am Freizeitverhalten und thematisiert alles, was zu Suchtverhalten führen kann, nicht nur Drogen und Alkohol.

Momentan läuft bundesweit die Aktion "Kenne Dein Limit" zur Bekämpfung von übermäßigem Alkoholkonsum. Wie sieht die sonstige Präventionsarbeit für Jugendliche im Landkreis aus?

Diese Aktion ist nur ein Baustein von vielen. In unserer Arbeit treten wir zum Beispiel auch an Veranstalter und Verkaufsstellen von Alkohol heran. Alle Schulen im Landkreis waren eingeladen, sich das Theaterstück anzusehen und ihr Interesse an Aufführungen für die eigenen Schüler zu bekunden. Das Landratsamt koordiniert und bezuschusst solche Aktionen für Schulen. Wir haben in Erlenbach den Anfang gemacht, weil sich Schulsozialarbeiter Rudi Reißmann gleich sehr interessiert zeigte.

Wie schätzen Sie den Erfolg solcher Aktionen ein?

Durch solche Aufführungen erreichen wir mehr, als mit starren Vorträgen, bei denen sich die Jugendlichen schnell bevormundet fühlen. Wir versuchen immer, zeitgemäße Sachen zu machen. Dass man etwas ändern kann, sieht man am Beispiel Rauchen: Seit das nicht mehr als so cool gilt und eine Ächtung eingetreten ist, sind die Raucherzahlen bei Jugendlichen extrem stark zurückgegangen. Beim Kampf gegen Alkoholmissbrauch ist das schwieriger - immerhin verfügt diese Industrie über eine Budget von 500 Million Euro im Jahr allein für Werbung. Es ist natürlich schwer, gegen diese geballte Marktmacht anzukommen. Dennoch sind solche Aktionen ein wichtiger Schritt. Der Eine oder Andere wird vielleicht doch zum Nachdenken animiert.